
Kompetenzorientierung fängt beim Lehrpersonal an!
Die OECD kommt in ihrer Studie „Bildung auf einen Blick 2011“ zu dem Ergebnis, dass Deutschland im Sekundarbereich II mit einer Abschlussquote von 84 % knapp über dem OECDDurchschnitt von 82 % liegt. Dieses gute Ergebnis gründet insbesondere auf unserem gut ausgebauten Berufsbildungssystems.
Insgesamt betrachtet zeigt die Studie jedoch, dass sich das Bildungssystem Deutschlands in den letzten 50 Jahren weniger entwickelt, als das der meisten ebenfalls untersuchten hochentwickelten Industrie- und Dienstleistungsnationen.
Natürlich sind diese standardisierten Erhebungsverfahren grundsätzlich kritisch zu hinterfragen, es lohnt sich jedoch immer, zunächst selbstkritisch
die eigene Situation im Zusammenhang mit den Ergebnissen zu reflektieren. Eines ist dabei klar: Wenn wir in der Bildung zukünftig gegenüber unseren Mitstreitern am „Weltbildungsmarkt“ nicht wieder einen Schritt voraus sind, dann werden wir unseren akuten Fachkräftemangel nicht lösen können. Was aber hat dies mit unserem Leitthema „Personalentwicklung“ an beruflichen Schulen zu tun? Setzen wir uns einfach einmal die Brille der Selbstkritik hinsichtlich der OECD-Ergebnisse auf, um daraus wertvolle Rückschlüsse zu ziehen: Personalentwicklung ist eine der drei Säulen der Schulentwicklung. Sie ist grundlegend für die Unterrichtsentwicklung. Eine erfolgreiche Personalentwicklung darf dabei nicht von einzelnen Personen, ihrem Charakter und ihrer Durchsetzungskraft abhängen, sondern muss institutionell verankert sein. Im Einzelnen: Unser Bildungssystem – und damit auch das Berufsbildungssystem – ist klassisch auf Unterrichtsversorgung fokussiert. Orientiert man sich im Alltagsgeschäft allerdings an der Abdeckung von Unterricht, so bleiben die Kompetenzen des Einzelnen zunächst unbeachtet.
Dabei sind Kompetenzen, ihre Förderung und ihre gelungene Allokation der Schlüssel zum Erfolg! Aus diesem Grund hält auch die Kompetenzorientierung Einzug in unseren Unterricht. Wie aber sollen die Lehrenden die Kompetenzorientierung ohne Implementierungshilfe auf ihren Unterricht übertragen, wenn sie im eigenen System selbst nicht systematisch nach ihren facettenreichen Kompetenzen gefragt wurden.
Zum Vergleich: Ein Unternehmen, das im Bereich Forschung und Entwicklung die Talente seiner Mitarbeiter weder sucht, fördert und
zielgerichtet stärkenorientiert einsetzt, hat keine Zukunft im Konkurrenz bedingten Alltagskampf. Es ist also nicht egal, was im Klassenzimmer
passiert. Gehen wir noch einen Schritt zurück: Seit Jahren fördern wir bei unseren Schülerinnen und Schülern das Arbeiten im Team und fragen uns dabei manchmal, wann wir das letzte Mal im Team gearbeitet haben. Oder wann man uns das letzte Mal individuell gefördert hat? Dabei brauchen
wir diese Unterstützung dringend, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein.
Führung spielt beim Umdenken hin zur „Lehrpersonorientierung“ im Rahmen einer gelebten Personalentwicklung eine entscheidende Rolle. Sie ist notwendig, denn sie bedingt Personalverantwortung und sucht dann aktiv nach Talenten, im Unterricht und jenseits von Unterricht, z. B. im Knüpfen von Netzwerken, was zukünftig eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche berufliche Schulentwicklung ist, um im Übergangsmanagement
nicht den Anschluss zu verlieren. Führungsverhalten ist keine Kunst, man kann es ggf. auch gezielt erlernen. Dieses Potenzial muss allerdings so früh wie möglich entdeckt werden, denn die Ausbildung zur schulischen Führungskraft ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das bedingt einen Paradigmenwechsel in der Schullandschaft: Frühzeitig müssen Nachwuchskräfte gesucht und fortgebildet werden, die dann unsere Stärken sehen, sie zu unserer Zufriedenheit einsetzen und bei unseren Schwächen Unterstützungshilfe anbieten. Das ist Fürsorge, gibt uns Sicherheit in unseren Aufgaben und hält uns zugleich flexibel. Dabei hat das „System“ für die Rahmenbedingungen zu sorgen, für die verbindliche Umsetzung sorgen wir – mit der notwendigen Hilfe.
Fassen wir zusammen: Erfolgreiche, verantwortungsvolle Personalentwicklung im Berufsbildungssystem wertet die Arbeit aller Beteiligten auf. Sie führt zu mehr Zufriedenheit und damit zur erfolgreichen Bewältigung der Aufgaben im internationalen Bildungswettbewerb. Denn wir können nicht nur die Unterrichtsversorgung garantieren, wir können mehr!
Detlef Sandmann/ Stefan Werth
Aus der Redaktion WuE

Inklusion - Umdenken erforderlich!
Über „Schule“ wird in Deutschland leidenschaftlich diskutiert:
PISA-Studie, G8-Abitur, ein veraltetes, ungerechtes, da stark selektives dreigliedriges Schulsystem, Individuelle Förderung, Lernfeldkonzept u. a.
Sonder- und Förderschulen standen bei diesen Diskussionen weniger im Fokus. Die UN-Konvention für die Rechte von Behinderten führt allerdings
dazu, dass die Bundesländer ihre Schulkonzepte überarbeiten müssen.
Am 15. 06. 2011 wurde der „Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention” von der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, URSULA VON DER LEYEN, vorgestellt. Gemäß Artikel 24 verpflichten sich die Vertragsstaaten darin, behinderten Menschen in einem „inklusiven“ Schulsystem das Recht auf Bildung auf der Basis von Chancengleichheit zu gewähren. Dort werden folgende Bedingungen der Bildung behinderter Menschen festgelegt: Die Vertragsstaaten gewährleisten „ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, [...] Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.” (UN-Behindertenrechtskonvention, Art. 24). Die Zielsetzung der Inklusion wird zudem in einer „Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen zum Referentenentwurf des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen” dokumentiert. Die Vereinbarung stellt damit das bisherige deutsche System der Sonderschulen in Frage. Bisher herrscht im deutschen Schulsystem noch die Unterteilungs- und Abtrennungspädagogik vor; die Bundesrepublik pflegt ein hoch differenziertes (Sonder-) Schulwesen.
Wegen dieser Strukturen sind noch zahlreiche Anstrengungen bis zur erfolgreichen Umsetzung der UNKonvention zu leisten. Zusätzliche Schwierigkeiten treten durch „leere Kassen“ und das föderale System auf, in dem jedes Bundesland sein eigenes „Süppchen“ kocht. Die Wandlung zu einem „inklusiven“ Schulalltag wird wahrscheinlich ein langjähriger Prozess.
Die Umsetzung der UN-Konvention erfordert ein generelles Umdenken in der Bildungspolitik. Bei der Inklusion geht es darum, dass jeder unabhängig von Herkunft und Handicap bestmöglich seine Fähigkeiten verbessern kann – die Hochbegabten genauso wie die Behinderten und
zwar gemeinsam in einer heterogenen Lerngruppe. In Südtirol z. B. existieren schon seit dreißig Jahren keine Sonderschulen mehr und es
ist selbstverständlich, dass gesunde Schülerinnen und Schüler und solche mit Handicaps oder Lernschwächen gemeinsam zur Schule gehen.
Acht Schülerinnen und Schüler werden im Durchschnitt von einem Fachlehrer unterrichtet, der in jeder Klasse von einem Integrationslehrer unterstützt wird. Außerdem bekommt jede Schülerin und jeder Schüler mit einer schweren Behinderung einen persönlichen Betreuer und es gibt Rückzugsräume, wo diese Schülerinnen und Schüler einzeln unterstützt werden können. In den skandinavischen Ländern läuft es ähnlich wie in Südtirol – ohne „Sortierung“ – nach dem Motto „One school for all“.
Schon heute finden sich ehemalige Sonderschüler in unterschiedlichen Bildungsgängen der beruflichen Schulen wieder. Unsere Hilflosigkeit in der Rolle der Verantwortung tragenden Lehrperson beginnt schon mit der im
Verhältnis zu schweren Beeinträchtigungen noch einfachen Frage: Wie gehe ich mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) und Legasthenie um? Die Inklusion der Schülerinnen und Schüler mit Handicaps oder Lernschwächen muss an unseren beruflichen Schulen sicherlich den Aspekt der individuellen Förderung stärker in den Fokus nehmen. Dort fehlen derzeit allerdings Unterstützungskonzepte. Kolleginnen und Kollegen, die keine förderpädagogische Qualifizierung haben, finden sich plötzlich in der Rolle des Förderpädagogen ohne spezifische Kenntnisse wieder, was zur Überforderung führen kann.
Die Umsetzung von Inklusion bedingt personelle und sachliche Voraussetzungen. Die Ausbildung der Lehrkräfte muss auf diese neue Aufgabe hin ausgerichtet werden. Erforderlich ist ein Konzept zur Überführung der sonderpädagogischen Förderung in die beruflichen Schulen mit dem Angebot eines gemeinsamen Unterrichts. Die Umsetzung dieses Konzeptes erfordert den Einsatz von Sozialarbeitern, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen usw. Menschen mit Behinderungen müssen mitten in unserer Gesellschaft stehen, wie auch Menschen ohne Behinderungen. Die Entwicklung zu einem inklusiven Bildungssystem
fördert interpersonelle Akzeptanz und lebenslange, gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Sie ist unerlässlich, aber sie kann nicht als Sparmodell zu Lasten der Kolleginnen und Kollegen sowie zu Lasten der Qualität von Bildung und Erziehung realisiert werden.
Detlef Sandmann/ Stefan Werth
Aus der Redaktion WuE
Stefan WerthSind wir innovativ?
Dem Berufsbildungssystem wird gegenwärtig viel abverlangt: Erfüllung der Rahmenvorgaben der EU im Sinne des Brügge Kommuniqués bis 2020, Umsetzung der Vorgaben des Bologna Prozesses auf Hochschulebene, Um- und Durchsetzung der Anrechenbarkeit von Teilleistungen der Bildungsgänge der beruflichen Schulen auf den Bachelorabschluss. Dies ist nur ein Auszug aus den Innovationen der letzten Jahre bis heute, die unsere Schulen und damit in erster Linie unsere Lehrpersonen zu meistern haben.
Wie innovativ sind wir aber wirklich? Auf der Ebene der Berufsbildungsforschung sind wir vermeintlich gut aufgestellt. Innerhalb europäischer Netzwerke für die berufliche Bildung wird uns immer wieder gespiegelt, dass wir stolz sein können über die Intensität, mit der wir neue Lehr-Lern-Konzepte entwickelt haben, über die Schnelligkeit, mit der wir uns mit neuen Bildungsgängen globalisierten Anforderungen gestellt haben und über die Hartnäckigkeit, mit der wir gegenwärtig versuchen die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems zu erweitern, ohne an Profil einzubüßen.
Die Frage nach Innovationskraft und -wirksamkeit im Bildungswesen einer Gesellschaft ist immer eine Frage nach dem, was letztlich bei den Lernenden ankommt. Der Effekt von Innovationsvorhaben kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf unsere Zielgruppe haben. Zu unterscheiden sind dabei restriktive systemische Vorgaben durch bildungspolitisch motivierte Reformen und Innovationsvorhaben, initiiert durch die berufliche Bildungsforschung und motiviert durch die Veränderungen gesellschaftlicher Ansprüche und die Herausforderungen des globalen Wandels.
Inmitten dieser kraftzehrenden Veränderungen stehen die Lehrpersonen, denen zeitweise der Überblick darüber verloren gehen mag, wo die „Bildungsreise“ eigentlich hingeht. Innovativ für das Lehr- und Ausbildungspersonal ist das, was den eigenen Unterricht erneuert und damit im Positiven auf unterster Ebene – nämlich dem Klassenraum – verändert. Dabei ist diese Ebene aus der Zielgruppenperspektive als die Wirksamste anzuerkennen. Innovation in der beruflichen Bildung hängt demnach gravierend von der Innovationsbereitschaft des Lehrpersonals ab.
Doch wie viel Zeit bleibt diesem für Innovation, wenn die Geschwindigkeit der Systemvorgaben und -veränderungen zunimmt, die Halbwertszeit des Wissens sich weiterhin verkürzt und neue didaktische Überlegungen kaum verstanden wurden und schon neue auf uns warten? Nicht jede Lehrperson von uns konnte bis dato nachvollziehen, inwiefern Handlungsorientierung der Problemorientierung gegenübersteht oder wo die Schnittmenge beider liegt, oder ob sich bzw. wie sich beide Formen in lernfeldorientiertem Unterricht wiederfinden. Auf der Suche nach der gewinnbringenden Schnittstelle zwischen Berufsbildungsforschung und der notwendigen Unterstützung der Lehrperson bei der praktischen Umsetzung im Unterricht verhindert eine wichtige Determinante den entscheidenden Schritt zum Erfolg: Die Zeit.
Innovationsvorhaben in beruflichen Schulen erfordern Zeit – Systemzeit – und Raum. Mit institutionell zur Verfügung gestellter Zeit und dem benötigten Raum sind die Lehrpersonen in der Lage im Dialog und dann auch in immer wieder geforderter Teamarbeit die Verständnislücke zwischen Konzept und Umsetzung auch mit Moderation aus der Berufsbildungsforschung zu schließen und Innovation für die Lernenden wirksam werden zu lassen. Erfolgsgaranten sind dabei, sofern diese Ressourcen in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, Zielorientierung, Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit. Ohne diese scheitert jedes Vorhaben in den Anfängen. Lassen wir uns aber darauf ein, wird gemeinsamer Erfolg durch Verantwortungsübernahme im Team spürbar, werden nach anfänglichem Mehraufwand die Synergieeffekte zur Entlastung aller Beteiligten und das Wichtigste ist: Das Rad wird nicht immer wieder von jedem neu erfunden!
Zukünftig müssen wir uns unsere Innovationsbereitschaft allerdings noch aus einem viel wichtigeren Grund im Sinne des lebenslangen Lernens erhalten: Der demografische Wandel ist allgegenwärtiges Thema, viele mögen den Begriff nicht mehr hören wollen, ebenso vielen ist jedoch noch nicht bewusst, welche Ausprägungen dieser auf das System der beruflichen Bildung haben wird, wenn nicht mehr nur die Grundschulen davon betroffen sind. Spezialisierung und Schärfung der Profile der beruflichen Schulen und überregionale Bildungsnetzwerke sind ein erster Weg zur Behauptung der Berufsbildung auf dem Markt der Veränderungen. Der Bundesverband des VLW versteht es zukünftig als eine seiner Hauptaufgaben, die Entwicklung der berufsbildenden Schulen für Wirtschaft und Verwaltung im Zuge der demografischen Veränderung im Sinne der Lehrerinnen und Lehrer zu begleiten und auf die Entscheidungsträger einzuwirken, sobald bildungspolitische Entscheidungen drohen, irrational in unserem Sinne und dem unserer Zielgruppe getroffen zu werden.
Stefan Werth (Internetbeauftragter, Redaktion WuE)





