16.10.2017

„Berufliche Schulen 4.0: Digitalisierung ist mehr als die Nutzung eines PCs“ oder: „Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif“

Unter dem Motto „Berufliche Schulen 4.0 - Quo vadis?“ fand am 21. September 2017 in Friedberg der 26. Hessische Berufsschultag mit Vertreterinnen und Vertretern der Politik, der Wirtschaft, der Schulen, der Schulämter und des Hessischen Kultusministeriums statt.

Industrie 4.0 und Digitalisierung stellen die beruflichen Schulen in Hessen aktuell vor große Herausforderungen. Deshalb hatte der Gesamtverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Hessen e. V. (glb) zum intensiven Gedankenaustausch und zur Vorstellung von Best-Practice-Beispielen eingeladen. 

„An die digitalisierte Welt angepasste Ausstattungen mit Informations- und Kommunikationstechnologien sind an beruflichen Schulen und überbetrieblichen Bildungszentren notwendig,“ so die Landesvorsitzende des glb Hessen, Monika Otten, „vor allem aber sind die Lehrinhalte kontinuierlich an die digitalen Entwicklungen und digitalisierten Prozesse anzupassen und die Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer so zu stärken, dass die Lehrkräfte eigenständig digitale Lehrinhalte und Plattformen in den Unterricht integrieren können. Dazu müssen regionale, schul- bzw. schulformspezifische Angebote gemacht und die Lehrkräfte dafür freigestellt werden. Der digitale Wandel lässt sich nicht zum „Nulltarif“ bewältigen!“   

Eine technische Grundausstattung aller hessischen Schulen ist Startpunkt und Voraussetzung der Vermittlung digitaler Kompetenzen. Insbesondere in den beruflichen Schulen kommt der Arbeit mit berufstypischen technischen Anlagen und Geräten sowie branchentypischer Software eine immense Bedeutung zu. „Noch werden die Auswirkungen der Digitalisierung nicht ausreichend berücksichtigt, es muss ein Umdenken in den Köpfen stattfinden“, so Wolfgang Greilich, bildungspolitischer Sprecher der FDP.

„In einer global vernetzten Arbeitswelt ist ein kompetenter Umgang mit den digitalen Medien unverzichtbar. Berufliche Schulen sind hier in besonderer Weise gefordert und müssen entsprechend von Landesseite unterstützt werden.“, forderte Christoph Degen die Hessische Landesregierung auf. Konsens herrschte bei den bildungspolitischen Sprechern der im hessischen Landtag vertretenen Parteien weitgehend darüber, dass die Qualität des Unterrichts nicht alleine durch den Anteil an Mediennutzung, sondern durch die Lehrpersonen und das Primat der Pädagogik bestimmt wird.   

Die Anwesenden lobten die Innovationskraft der beruflichen Schulen, bestätigten aber auch, dass es struktureller Verbesserungen bedürfe, um die hessischen Schülerinnen und Schüler auf die Herausforderungen durch Industrie 4.0 vorzubereiten. „Nicht nur was gelernt wird, sondern auch wo und wie gelernt wird, wird durch die Digitalisierung vollkommen verändert.“, so Dipl.-Ing. Dieter Omert, Leiter des Bildungswesens der Audi AG.

Im Rahmen seines Vortrags ging der Staatssekretär des Hessischen Kultusministeriums, Dr. Manuel Lösel, auf die Dynamik des beruflichen Fachwissens, des Arbeitsmarktes und der gesellschaftlichen Bedingungen ein, die wir gerade durchleben. Sie erfordert sowohl von den Schülerinnen und Schülern als auch von den Lehrerinnen und Lehrern eine hohe Flexibilität sowie die Bereitschaft, sich anzupassen und sich fortwährend zu qualifizieren. Die Digitalisierung sei ein dynamischer Prozess, dessen Geschwindigkeit zunehmen werde und daher eine kontinuierliche Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte unverzichtbar sei. Dafür müssen alle, d. h. Schule, Schulträger, Wirtschaft u. v. m., gemeinsam Hand in Hand arbeiten, damit es gelingt, die Herausforderungen zu meistern. Zugleich verwies der Staatssekretär aber auch auf die Erfolgsgeschichte der dualen Bildung in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf die Vermeidung von Jugendarbeitslosigkeit. Das deutsche Berufsausbildungssystem genieße international zu Recht hohes Ansehen. Um digitale Kompetenzen in der beruflichen Bildung besser zu fördern, bedarf es nach Ansicht des hessischen Berufsschullehrkräfteverbandes glb neben personellen, sächlichen und zeitlichen Ressourcen einer hessenweiten Strategie. Dazu sollte zunächst eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes an den Schulen erfolgen. Hierbei muss die Frage nach der Repräsentativität von Studien und Eindrücken gestellt werde. Es reicht nicht, einzelne gelungene Leuchtturmprojekte zu betrachten und sich entspannt zurückzulehnen. Es gilt, eine flächendeckende, ehrliche hessenweite Bestandaufnahme der Ausstattung und der Förderung von digitalen Kompetenzen an den beruflichen Schulen zu machen, Stärken und Schwächen zu identifizieren und systematische flächendeckende schul- und schulformspezifische Qualifizierungsangebote und neue fachdidaktische und methodische Konzepte abzuleiten.   

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