27.11.2013

VLW-Referententagung 2013 in Berlin

Für den 15. und 16. November 2013 hat der VLW zu seiner traditionellen Referententagung in Berlin eingeladen. Die Bundesvorsitzenden Dr. Angelika Rehm und Dr. Ernst G. John begrüßten die für die kaufmännischen Schulen zuständigen Vertreterinnen und Vertreter aus den Kultusministerien der Länder sowie die Vorsitzenden und weitere Vorstandsmitglieder der VLW-Landesverbände zum Erfahrungs- und Informationsaustausch.

Die VLW Bundesvorsitzenden mit den Referentinnen und Referenten aus den Kultusministerien der Länder

Für einen Vortrag konnten die Bundesvorsitzenden den Experten für Qualitätsmanagement Professor Dr. Karl Wilbers von der Universität Erlangen-Nürnberg, sowie Ministerialrat Christian Schräder und Regierungsdirektorin Viola Maßmann vom Niedersächsischen Kultusministerium willkommen heißen. Aus dem Kreis des Geschäftsführenden Bundesvorstands hielt Jochen Bödeker, Vorsitzender des Ausschusses für Bildungs- und Schulpolitik, ein Referat über die geplante Neuordnung der Büroberufe.

Kontrovers diskutiert: Qualitätsmanagement – eine Debatte mit vielen Facetten

Zentrales Schwerpunktthema der diesjährigen VLW-Referententagung waren Licht- und Schattenseiten von Qualitätsmanagement als Katalysator der Schulentwicklung.

 

Professor Dr. Karl Wilbers

In seinem Vortrag beschreibt Professor Wilbers, dass der positive Effekt eines Qualitätsmanagementsystems durch ein zu starr angewandtes ingenieurwissenschaftlich technisches Kennzahlensystem konterkariert werden kann. Eine ausschließliche Ausrichtung an Kennzahlenergebnissen führe zu Manipulationen von Seiten der Beteiligten und somit zu einer Unwirksamkeit des Instruments.

Als Beispiel nannte Professor Wilbers die USA, wo die Ergebnisse von Qualitätsmanagement-Kennzahlen zu einem weitgehend automatisierten Mechanismus führen, der von der Auswechslung von Schulleitern bis hin zur Schließung von Schulen reiche. Die Folge kann eine Manipulation von Kennzahlenergebnissen sein, z. B. durch den Ausschluss von schlechten Schülern aus dem Bewertungssystem, Hilfe bei Schülertests und gezieltem Wiederholenlassen von Schülern. Je stärker die positiven und negativen Anreize sind, desto eher wird es zu einem strategischen Umgang mit Daten kommen.

Die Frage, ob sich Qualitätsmanagement an Schulen lohne, ließe sich, wenn überhaupt, nur durch eine langfristige Untersuchung beantworten: Dem messbaren Einsatz (Schulungskosten, Ausbildung von Fachberatern, hoher Dokumentations- und Erfassungsaufwand) stehen dabei (schwer messbare) Ergebnisse, wie verbesserte Lernergebnisse, die Auswirkung der verbesserten schulischen Bildung auf die individuelle Bildungsrendite (Zugewinn an Arbeitseinkommen) und auf die soziale Bildungsrendite (niedrige Kriminalitätsrate und niedrige Inanspruchnahme von Sozialleistungen) gegenüber. Statt solcher aufwändiger Untersuchungen sollten verstärkt gute Beispiele dokumentiert und der Austausch zwischen Schulen sowie zwischen Schulen und den Schulregulatoren gefördert werden.

Prof. Wilbers sagt, dass der Lehrer Qualitätsmanagement eigentlich als Selbstverständlichkeit empfinden müsste, da das System seine Arbeit in der Schule unterstütze. Aber in der Realität empfinden viele Lehrkräfte Qualitätsmanagement als belastend und von den Kultusministerien aufoktroyiert. Um hier eine veränderte Einstellung zu erhalten, müssten bereits die Studenten in der Hochschule und die Referendare in den Studienseminaren ein wirksames Qualitätsmanagement erleben. Außerdem müssten Qualitätsmanagementsysteme – vor allem die externe Evaluation – den Schulen Wahlmöglichkeiten eröffnen, die es den Schulen erlaubt, das Qualitätsmanagement den Herausforderungen in der jeweiligen Schule anzupassen.

Aus der Praxis des Qualitätsmanagements, wie es im Bundesland Niedersachsen gehandhabt wird, referierten MR Christian Schräder und RD´in Viola Maßmann vom Niedersächsischen Kultusministerium.

MR Christian Schräder

Sie berichteten, dass seit 2011 in Niedersachsen die Weiterentwicklung der 134 öffentlichen berufsbildenden Schulen zu regionalen-Kompetenz-Zentren verfolgt wird, die den Schulen eine stärkere Eigenverantwortung mit erweiterten Handlungsspielräumen (u.a. eigene Stellenpläne, Budget) und Entscheidungsfreiheiten gewährt. Das bedeutet jedoch auch eine Rechenschaftspflicht gegenüber der Schulbehörde im Hinblick auf die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen und der erzielten Ergebnisse.

Die berufsbildenden Schulen werden über Zielvereinbarungen gesteuert, die alle vier Jahre mit der Landesschulbehörde abgeschlossen werden. Dieser Regelkreislauf über Zielvereinbarungen setzt sich auch innerhalb der Schule fort, damit eine erfolgreiche Gesamtsteuerung im Bildungssystem erreicht werden kann. Es werden Ziele vereinbart, die der jeweiligen Schul- und Qualitätsentwicklung förderlich sind. Ein weiteres wesentliches Element des veränderten outputorientierten Steuerungsansatzes ist die Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems. In Niedersachsen gilt ein einheitlicher verbindlicher Qualitätsrahmen, an dem die Schulen ihre Qualitätsentwicklungsarbeit auszurichten haben.

Voraussetzung für die Umsetzung der Rechenschaftspflicht ist die Einführung eines Controllingsystems. Dieses besteht u. a. aus einem Landeskennzahlenset, welches vier Kennzahlen (Abschlussquote, Übernahmequote, Ressourcen pro erfolgreichem/r Schüler/in, Erfolgreiche Schulzeiten) umfasst. Diese Kennzahlen werden für jede Schulform und jeden Bildungsgang erfasst und sollen intuitive und pauschale Urteile ersetzen und Stärken und Verbesserungsbereiche deutlich machen. Dahinter steht die Überzeugung, dass auch Ziele im pädagogischen Bereich durch Indikatoren (Kennzahlen) abgebildet werden können. Der vertrauliche und sensible Umgang mit den Kennzahlenergebnissen habe allerdings oberste Priorität. Die Kennzahlen seien ein internes Controllinginstrument für Schulen und Schulbehörden und werden nicht veröffentlicht. Sie liefern Gesprächs- und Analyseanlässe im Rahmen der Zielvereinbarungsgespräche und führen gegebenenfalls zu einer Zielkorrektur.

Umfassende Handlungs- und Gestaltungsfreiräume bedingen Verantwortung und Rechenschaftspflicht, sagen Schräder und Maßmann. Dies seien die beiden Seiten der Medaille. Man sollte Kennzahlen nicht als feindliches Kontrollsystem betrachten, sondern sich vielmehr fragen, welche Möglichkeiten sie den Akteuren in der Schule bieten, um schulische Arbeit zu verbessern.

In der anschließenden Aussprache wurde die Thematik im Plenum engagiert und kontrovers diskutiert.

 

Autorin:

Frau Anita Staub

Geschäftsstellenleitung

VLW
Bundesgeschäftsstelle
Ellernstraße 38
30175 Hannover
Tel.:  0511 2155 6070
Fax:  0511 2155 6071